Das Problem der menschlichen Existenz ist die Fähigkeit zum Selbstbetrug, ja nicht nur die Fähigkeit, sondern geradezu der Zwang, sich zu belügen über die eigene Identität. Der Mensch baut sich ein Selbst- und Weltbild, das der Realität niemals entspricht. Dieses getrügte Selbstbild, eine Art gebrochenes Realitätsempfinden, speist sich aus den Quellen des gebrochenen und kranken Ichs. Unser Ich ist überhaupt nicht in der Lage, die Wahrheit über uns selbst und unsere Umgebung zu erkennen. Permanent täuscht es uns aufgrund unseres Hungers nach Geltung und Würde. Doch der Mensch hat seine Würde verloren, und er kann sie nicht mehr in sich selbst finden. Er braucht eine Instanz außerhalb seiner selbst, die ihn erlöst von seinem Zwang, sich Geltung und Wert zu verschaffen. Doch mit aller Macht wehrt er sich gegen diese Instanz und klammert sich wie ein Ertrinkender an seine fragile Existenz, getäuscht und geblendet, stinkend und frierend, ein Abbild des Jammers und Elends. Erst wenn er mit Paulus spricht: Ich elender Mensch. Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? kann seine Heilung beginnen. Diese Heilung liegt einzig und allein im Tod Christi am Kreuz, mit dem wir mitgekreuzigt werden und auferstehen durch die Taufe auf den Namen Jesu. Was bedeutet es, in seinem Namen getauft zu werden? Es ist sehr einfach. Man hat uns die Sinne verwirrt über diese Angelegenheit. Wenn ein Kind auf einen Namen getauft wird, dann trägt es fortan diesen Namen. Der Name bestimmt von nun an sein Leben, seine Existenz, wenn man so möchte, gehört der Mensch nicht mehr sich selbst, sondern diesem Namen, dem er fortan verpflichtet ist. So ist es auch, wenn wir im Namen Jesu getauft werden, was nichts anderes bedeutet, als auf den Namen Jesu getauft zu werden. Wir tragen fortan diesen Namen, nicht mehr unseren eigenen. Der alte Mensch, was wir vorher waren, ist gestorben, er hat keine Ansprüche mehr, keine Rechte, ja er existiert nominell gar nicht mehr. Alles, was noch Gültigkeit hat, ist der neue Name, auf den wir getauft sind, der Name Jesus. Von nun an leben und sterben wir Christus. Er lebt quasi durch uns, nicht mehr wir selbst leben. Damit erledigt sich in einem Moment jedes Problem, das wir noch zu haben glauben. Wir können nicht mehr verletzt werden, nicht mehr enttäuscht, nicht mehr betrogen, nicht mehr verraten, denn uns gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Christus in uns. Alles, was das Leben in dieser Welt ausmacht, hat für uns keine Bedeutung mehr, nicht mehr Karriere, Ruf, Erfolg, Reichtum, Schönheit, Lust, auch nicht mehr Familie oder Beruf, all das existiert nicht mehr für uns, und wenn doch, dann so, als ob es nicht existiert. Wir sind ausschließlich den himmlischen Dingen verpflichtet und leben und sterben von nun an dem Herrn. Damit erübrigen sich alle Streitereien und Konflikte, sei es mit Arbeitskollegen, Freunden, Familie oder in der Gemeinde, denn es gibt niemanden mehr in uns, der Ansprüche auf irgendetwas anmelden könnte. Wir haben keinen Anspruch mehr Recht zu haben, geliebt zu werden, verstanden zu werden, belohnt zu werden. All dies hat keine Gültigkeit mehr, nur noch Christus in uns und sein Kreuzestod sind relevant. Freilich möchten dies viele Christen nicht hören. Unsere Zänkereien in den Gemeinden und Familien sind der ausreichende Beleg dafür, genauso wie unsere die eigenen Ambitionen befriedigenden Programme und Gebäude. Es ist ein elendes Zerrbild dessen, wie Christus sich seine Gemeinde gedacht hat. Und dabei führt all unser Bemühen uns nur in die Verzweiflung und die Leere. Wir sind nicht glücklich, haben vielfältige Krankheiten und Gebrechen, und sind in Sünde gebunden bis ins Alter. Weit und breit ist die Reife nicht zu sehen, die Johannes schon den jungen Männern im Glauben abfordert und zutraut, weil wir nicht ganze Sache mit Christus machen. Wir möchten das Leben mit Christus und unser Leben in die Welt, und der regelmäßige Gottesdienstbesuch widerspricht dem nicht. Aber wir erkennen nicht, dass wir Christus dabei tragisch verpassen, denn er lässt sich nur ungeteilt dienen. Wir gehören einem eifernden Gott, und können die himmlischen Segnungen nur erfahren, wenn wir alles, was das irdische Leben ausmacht, für Dreck erachten, um Christus zu gewinnen. Welch ein Angebot, welch eine Verheißung, ihn zu schauen mit aufgedecktem Angesicht, unverhüllt, der Vorhang zerrissen, der Weg ins Allerheiligste allzeit frei! Wir müssten ein Volk von Jubelnden sein allezeit, enthoben all unser irdischen Probleme und Sorgen, weil wir ihn schauen und trinken dürfen, wie die Ältesten des Volks Israel am Sinai. Doch wir trinken aus rissigen Zisternen, aus vergifteten Brunnen, deren Wasser uns Blähbäuche macht und schlechten Atem. Welch ein unwürdiges Spektakel, das wir der Welt bieten. Doch wir irren uns, wenn wir glauben, dass der Herr dies dauerhaft dulden wird. Er steht vor der Tür und ist kurz davor einzutreten und den alten Sauerteig auszukehren. Wie ein Winzer wird er kommen und dem Weinstock Gewalt antun, die unfruchtbaren Reben abschneiden, die fruchtbaren Reben ernten und den Saft der Trauben wie Blut ausgießen über das Land durch die Kelter seines Zorns. Wir dienen einem schrecklichen Gott, und schrecklich ist keine Umschreibung für herrlich oder großartig, wie uns all die verwirrten Prediger weismachen möchten. Schrecklich bedeutet schrecklich, es bedeutet, dass wir zittern vor Furcht, wenn er sich uns naht, und ihm die Autorität geben, die ihm gebührt. Anbetung heißt, sich niederzuwerfen vor ihm, wie vor einem König in der Antike, vor dem man im Staub liegt, mit dem Gesicht auf der Erde, und das ganze Leben, die ganze Existenz ist in seiner Hand, hängt ab von seinem Willen und seiner Gnade.